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Die letzten Minuten

Die beiden schlimmsten Fragen, die ich mir immer gestellt habe, sind die nach dem „Warum?“ und die, ob ich es hätte verhindern können. Ich habe mich so oft gefragt, was meinen Vater wohl in seinen letzten Stunden und Minuten durch den Kopf gegangen ist. Wieso war alles so aussichtslos, dass er sich selbst dies angetan hat, dass er sich das Leben genommen hat! Ich habe einen Abschiedsbrief mit drei Zeilen erhalten. War ich ihm denn nicht so viel wert, dass er es mir wenigstens hätte erklären können? Warum hat er mir das angetan? Warum hinterlässt er mich mit dieser schweren Bürde? Warum erklärt er sich mir nicht?

 

Bei all den Fragen geht es aber nur darum, dass es mir mit seiner Entscheidung besser gehen soll. Ist das nicht vielleicht zu egoistisch gedacht? Wie ging es denn ihm mit dieser Entscheidung? Darf er nicht seinen Weg selbst wählen? Hat er nicht ein Recht darauf, selbst zu entscheiden, ob er leben oder sterben möchte?

 

Was Maße ich mir an, darüber urteilen zu können, ob sein Schmerz erträglich war oder eben nicht mehr. Wie kann ich einen Ausweg aus seinen Problemen sehen, wenn er diesen Weg doch nicht mehr sehen konnte?

 

Jedes Mal wenn ich über seine letzten Minuten nachdenke werde ich unendlich traurig darüber, dass er diesen Weg gehen musste und dass er dabei alleine war. Ich sehe ihn vor mir, wie er mit zittriger Hand und mit Tränen in den Augen seine letzten Zeilen geschrieben hat. Wahrscheinlich war es so schwer für ihn, dass er einfach nicht mehr als drei Zeilen schreiben konnte, aber trotzdem nicht ganz ohne Abschied gehen wollte. Ich sehe ihn auf dem Weg zu dem Ort, an dem er seinem Leben ein Ende gesetzt hat. Und dann hört sein Herz auf zu schlagen und es gibt kein Zurück mehr. Die Entscheidung ist getroffen. Ob er sich wohl heute noch einmal für diesen Weg entscheiden würde?

 

Jede*r Dritte, der einen Suizidversuch überlebt, unternimmt nach dem ersten einen weiteren und jede*r Zehnte stirbt später durch Suizid.  Das bedeutet aber auch, dass es so viele gibt, die es nicht noch einmal versuchen. Hätte er überlebt, wäre er dann heute noch bei mir oder hätte er es noch einmal versucht?

 

So viele Fragen bleiben zurück, die für immer ungeklärt sein werden. Ich habe die Möglichkeit an diesen Fragen zu zerbrechen und sie mir immer und immer wieder zu stellen und mir immer wieder seine letzten Minuten vor Augen zu führen und diesen Schmerz zu ertragen. Aber vielleicht muss ich lernen seinen Weg zu akzeptieren. Vielleicht waren die letzten Minuten gar nicht so traurig wie sie mir erscheinen, sondern eine Erleichterung für ihn. Vielleicht muss ich lernen, seine Entscheidung zu seinem eigenen Leben zu respektieren.

 

 

Der Wunsch danach, dass ich in den letzten Minuten seine Hand hätte halten können, wird aber wohl immer bleiben…

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Kommentare: 3
  • #1

    Florian (Samstag, 18 April 2020 21:50)

    Deine Texte sind sehr berührend und ich fühle wirklich mit dir, wenn ich das lese. Ich bin letztes Jahr selbst an einer Depression erkrankt und hatte suizidale Gedanken. Das war für mich selbst sehr erschreckend und dennoch fühlte ich mich gefangen. Ich hoffe das Schreiben darüber gibt Dir die Kraft mit dieser traurigen Situation umzugehen und ich finde mit diesem Blog hast Du einen Weg gefunden, etwas positives daraus zu erschaffen. Ich bin im Geiste mit Dir verbunden! :)

  • #2

    Laura (Samstag, 18 April 2020 22:21)

    „ich wollte euch von mir erlösen“ Zitat einer überlebenden beim auffinden voll mit Tabletten

  • #3

    Ivonne Koch (Mittwoch, 06 Mai 2020 12:23)

    Genau das was du oben schreibst ist das gleiche was mir die ganze Zeit durch den Kopf geht.Eigentlich vergeht kein Tag.
    Lg Ivonne